Industriegase gehören zu den unspektakulärsten, aber qualitativ hochwertigsten Geschäftsmodellen an der Börse. Sauerstoff, Stickstoff, Wasserstoff und Spezialgase werden in der Stahl-, Chemie-, Lebensmittel-, Gesundheits- und Halbleiterindustrie permanent benötigt.
Das Besondere sind die hohen Eintrittsbarrieren: Große Produktionsanlagen werden häufig direkt beim Kunden errichtet, die Verträge laufen über viele Jahre und ein Wechsel des Lieferanten ist teuer und kompliziert. Gleichzeitig eröffnen Halbleiterproduktion, Künstliche Intelligenz, Wasserstoff und die Dekarbonisierung der Industrie zusätzliche Wachstumsfelder. Der Weltmarkt wird von wenigen Konzernen beherrscht. Ganz vorne stehen LINDE und AIR LIQUIDE. Beide Unternehmen sind hochprofitabel und wachsen zuverlässig.
Elliott will die Margenlücke schließen. AIR LIQUIDE ist derzeit die spannendere der beiden Aktien, weil zu einem ohnehin soliden operativen Geschäft nun eine konkrete Neubewertungsstory hinzukommt. Im ersten Halbjahr erhöhte der französische Industriegasekonzern seinen Umsatz vergleichbar um 2,6 %, im zweiten Quartal beschleunigte sich das Wachstum auf 3,5 %. Noch wichtiger ist die Entwicklung der Profitabilität. AIR LIQUIDE erzielte Effizienzsteigerungen von knapp 300 Mio. €, die operative Marge verbesserte sich gegenüber dem Vorjahr um beachtliche 110 Basispunkte. Der wiederkehrende Nettogewinn stieg währungsbereinigt um 9,9 %. Für 2026 stellt das Management eine weitere Margenverbesserung in Aussicht. AIR LIQUIDE profitiert hier unmittelbar vom Ausbau der Halbleiter- und KI-Infrastruktur. Der Auftragsbestand für neue Projekte ist auf einen Rekordwert von 6 Mrd. € gestiegen.
Der neue Kurstreiber heißt allerdings Elliott. Der aktivistische Investor hat eine Beteiligung aufgebaut und drängt das Management offenbar zu höheren Margen und einer disziplinierteren Kapitalallokation. Der Ansatzpunkt ist offensichtlich: AIR LIQUIDE erreicht derzeit eine operative Marge von rund 21 %, während LINDE auf knapp 30 % kommt. Elliott hat oft bewiesen, die Unternehmensprofitabilität seiner Beteiligung zu dynamisieren. Billig waren die Industriegase-Unternehmen noch nie. Auf Basis der Gewinnschätzungen wird AIR LIQUIDE für 2026 mit einem KGV von rund 27 bewertet. Das PEG liegt bei etwa 2,1 und damit deutlich oberhalb unserer idealtypischen Marke von 1. Die Analysten sehen im Durchschnitt ein Kursziel von knapp 198 €, womit sich gegenüber einem Kurs von rund 174 € noch gut 13 % Kurspotenzial ergeben. Mit hohem Hebel deutlich mehr.
Unser Fazit: AIR LIQUIDE ist kein klassischer Value-Titel, bekommt aber durch Elliott einen zusätzlichen Katalysator. Gelingt es, die Profitabilitätslücke zu LINDE zumindest teilweise zu schließen, könnten die Gewinnschätzungen für 2027 und 2028 nach oben wandern. Nach dem heutigen Kurssprung würden wir dennoch nicht der Aktie hinterherlaufen, sondern eine erste Position aufbauen und Rücksetzer zum Aufstocken nutzen.
Vorschlag 4: Nehmen Sie den AIR LIQUIDE-Open end-Turbo-Call-Optionsschein von der Société Générale mit der ISIN DE000SQ7FMA8 (Open end, akt. Basis-, Knock-out-Schwelle 130,342 €, Hebel 4,18, Kurs 4,09 €) zu einem Drittel zum aktuellen Kurs auf. Zwei Zukauflimits: 3,65 und 3,33 €. Stop-Loss-Limit: 2,52 €.